Wenn einer eine Reise tut…

Holzfiguren in einer Kunstgalerie der Freiburger Innenstadt

hat er hinterher was zu meckern zu erzählen. Besonders wenn es eine Reise mit der Bahn ist. Fast jeder singt ein Lied davon, wie unwahrscheinlich unpünktlich die Züge sind, wie schlecht die Schaffner englisch sprechen, dass es so voll ist. Aber ich

finde es überwiegend … äh unterhaltsam. Der Hamburger Hauptbahnhof war vergangenen Freitag so voll, dass eine Massenhysterie die angemessene Reaktion gewesen wäre. Unwillkürlich musste ich an Loveparades und andere Großereignisse denken. In Hamburg hatten Ordner das Geschehen zum Glück im Griff, so dass es auf der Treppe runter zum Bahnsteig vergleichsweise ruhig war. Weniger Leute wollten deshalb natürlich nicht in den ICE nach Freiburg. Dabei hatte ich mich gedanklich ganz erfolgreich auf ein paar Stunden Zeit zum in-Ruhe-lesen eingegroovt. Man kommt ja sonst meist zu nix, das aber gründlich. Freitag wollte ich lieber gründlich im Lesen und vielleicht ein kleines bisschen im Schreiben sein. Was all die vielen Mitreisenden wollten, ließ sich nicht eindeutig feststellen. Aber da waren sie, ganz eindeutig. Ein Umstand, den ich umgehend zur Freude über mein kleines Gepäck zweckentfremdete. Das Gute an leichtem Gepäck ist nämlich, dass man einigermaßen behände zwischen all den Leuten hindurch kommt. Und so trotz vergessener Reservierung einen Sitzplatz am Fenster erhaschen kann. Tschakka. Fast sechs Stunden bis Freiburg, das sollte für ein paar hundert Seiten reichen und ein bisschen Recherche zur EM in Frankreich und zu einem Blogpost über meine Recherchen zur EM und zur Lektüre der Tagszeitung. Sie verstehen das Prinzip? Ich war im Freizeitstress.

Ein klein wenig legte der sich wieder, als ich feststellte, dass ich nicht ins Internet kam. Tschüss, schnelles Online Recherchieren. Aber ich wollte ja sowieso lesen. Also las ich sorgfältig von hinten, nach vorne, in der Mitte und dann noch mal ein bisschen auf den ernsthaften Politik-Seiten. Zwischenzeitlich hatte der Zug gehörig Verspätung, aber ich hatte ja immer noch ganz viel zu tun. Online Surfen zum Beispiel. Ach, dieses Internet ist immer noch aus? Und warum zum Teufel konnte ich zwar den Hotspot im Telefon anschalten, mich vom Computer aus aber trotzdem nicht einloggen. Egal, entschleunigen soll ja sehr gesund sein. Und bloggen wird eh überschätzt. Am Ende sollten wir soviel Verspätung haben, dass ich bei der Deutschen Bahn reklamieren kann. Klappt beim Stau auf der Autobahn nie.

Zum Ausgleich komme ich auch auf der Rückfahrt ein paar Tage später zu nix. Ich habe einen ganz ruhigen Sitzplatz, was auch keine Kunst ist, weil der Zug eher leer ist. Aber schräg gegenüber sitzt eine ganz reizende Person, die eben auf dem Bahnsteig eine EC-Karte gefunden hat und sie, weil sie ja dringend in den einfahrenden Zug musste, dem erstbesten Passanten in die Hand gedrückt hat, damit dieser sie im Fundbüro und jetzt fragt sie sich, ob der das auch macht und ob sie nicht lieber doch, aber der Polizist, den sie noch gefragt hatte, fühlte sich auch nicht zuständig. Ich kann nachfühlen. Einige Stunden später weiß ich einiges mehr über die Spieltheorie, habe mich angeregt über Verwaltungswahnsinn in öffentlichen Institutionen unterhalten, über das Leben in den USA und das in Frankreich. Gut, mein Email-Postfach habe ich nicht aufgeräumt. Und der alte Blogpost von der Hinfahrt war inzwischen eh ein bisschen alt geworden. Aber was macht das schon? Arbeiten kann ich schließlich auch zu Hause. Ich finde Bahnfahren überwiegend super.

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