Von Jazz und anderen Rhythmuswechseln

Als wir den Eingang zu Blohm und Voss passierten, fielen die ersten dicken Tropfen* vorsichtig auf uns hinab, einzelne bloß und es war tropisch warm (oder besser: So feuchtwarm, wie wir Hamburger uns die Tropen vorstellen.) Wir fanden es lustig. Kurz darauf sind es mehr Tropfen geworden, viel mehr, Bindfäden, Sturzbäche. Ich hatte nicht mal eine Regenjacke mitgenommen, so sehr war mir in den letzten Wochen dieses verfrühten Sommers, das Gefühl dafür abhanden gekommen, es könne anderes Wetter geben als „heiter bis sonnig“. Kann es.

Der erste Freitag im Juni brachte den von manchen lang ersehnten Regen. Schnell war klar, dem Regen ausweichen, von einem Vordach zum nächsten springen, würden nicht gehen. Viel zu wenig Dächer auf dem Werksgelände von Blohm und Voss, viel zu viele Festival Besucher, die Jazz hören wollten. Also haben wir beschlossen, den Regen wie ein warme Dusche zu nehmen. Irritierenderweise kühlte sich die Luft kein bisschen ab. Es blieb warm und wir lustig. So sind wir zu einer überdachten Dingsbar gegangen, unterwegs so nass geworden, wie man unter der Dusche nun mal wird. Erst mal ein Bier, puuh, von ferne konnte man eine Band Jazz spielen hören, irgendwas mit Trompete. An einem Stand gab es Regenponchos aus Plastik, die haben uns zwar nicht abgetrocknet, aber ein gemütliches feuchtwarmes Mikroklima erzeugt. Schuhe seien bei der Badewanne nur hinderlich, beschlossen das Kind und der Alltagsprinz. Weg damit. Und außerdem: Acht Uhr, beste Abendbrot Zeit. Also haben wir kurzerhand beschlossen, dass erst einmal Essen organisiert werden muss. Ausgiebiges Duschen macht hungrig.

Das Kind und ich sind durch den Regen gepatscht, quer über den großen Platz, die Band spielte immer noch. Ziemlich in der Mitte tanzten drei Mädels hingebungsvoll im Regen, ein Fotograf kniete im knöcheltiefen Wasser für stimmungsvolle Bilder.
Krach, Bumm, Donner! Ziemlich gleichzeitig zuckte über uns ein Blitz durch den Abendhimmel. Das Konzert auf der Hautbühne des Elbjazz wurde abgebrochen, eine ruhige Stimme bat uns über die Lautsprecher in die Maschinenhalle oder unter die Parkdecks zu gehen. Nein, es bestehe keine Gefahr, alles sei gut. Aber dort sei es ein bisschen sicherer. Also ab in die Maschinenhalle, wo eine Easy-Listening Band ihr Konzert in die Länge zog um uns ein wenig zu beschäftigen.

Der Alltagsprinz hat eine Ecke mit Liegestühlen entdeckt, wo wir einen Platz für das Kind ergattert haben. „Okay, lass noch mal Getränke holen.“ Die Atmosphäre war aufgeregt, lustig. Nichts funktionierte, wie das auf einem Festival soll, kein richtiges Konzert, alle pitschnass, das Bier und die Luft warm. Egal, wir hatten Spaß. Der Alltagsprinz jedenfalls ist losgegangen, das Kind und ich haben angefangen mit unseren direkten Nachbarn zu plaudern. Irgendwann hat sie sich gewundert, wo der Papa so lange bleibt. Und ich habe sie noch beruhigt, wir hatten schließlich auch eine gefühlte Ewigkeit für drei Bratwürste gebraucht. Aber dann hat ein Sanitäter vorbei geschaut, freundlich gelächelt und gefragt, ob es hier vielleicht ein Fräulein Mathilde und eine Tochter gäbe. „Oh, mein Gott.“ Das Kind hat sofort riesengroße erschreckte Augen bekommen, der Papa hatte sich auf dem Platz an einer Metallstrebe den nackten Fuß aufgeschlitzt. Aua. Im Rettungswagen hat der Alltagsprinz papahaft beruhigend geguckt, nein, es sei nicht schlimm, es tue auch gar nicht weh, aber die Sanitäter meinten nun mal, es müsse genäht werden. Blöderweise wollten die uns nicht in ihrem Rettungswagen mitfahren lassen.

Also sind das Kind und ich zu Fuß durch den Elbtunnel zurück in die Stadt gegangen. Das Festival war gerade offiziell für den Tag beendet worden, keine weitere Konzerte. Schade, Pech gehabt. Mit uns haben sich zig Konzertbesucher auf den Heimweg gemacht. Heimlich haben wir einige Betrunkene bestaunt. Wie lustig die Fahrrad fahren, so ungerade und trotzdem so schnell. Bei den Landungsbrücken haben wir schließlich ein Taxi genommen, zu aufgeregt das Kind, zu weit weg mein Auto. Der Papa wurde gerade nach Wilhelmsburg ins Krankenhaus gefahren. Das Festival Gelände ist ja nun mal auf der anderen Elbseite und damit ist das nächstgelegene Krankenhaus eben auch dort. Schade. Wir mussten also über die Autobahn in einen Stadtteil, den wir Innenstadt-Bewohner eher selten aufsuchen. Das Kind hat mit ihren neun Jahren souverän die Navigation des Handys bedient. Irgendwo im dunklen Niemandsland haben wir zum Glück den neonhell erleuchteten Eingang des AK Großsand gefunden.

Und dann hatten wir erst mal ganz schön viel Zeit. Zeit, die wir in aller Ruhe im Besucherraum sitzen durften. Zum Glück gibt es Kurznachrichten-Dienste und viele, verschiedene Emojis, die man zum Papa schicken kann um zu fragen, wie es ihm hinter der Tür zum Behandlungsraum geht. Auf einmal ging die Tür auf … und heraus kam ein älterer Herr, der irgendwas auf Russisch sagte. Der türkische Vater einer verletzten Tochter hat ihm dann die Toilette gezeigt. Blöderweise konnte er hinterher nicht so leicht zurück in den Behandlungsraum, die Tür hat hier nur auf einer Seite eine Klinke. Viel unverständliches Gemurmel, Handgefluche und russische Flüche später, wurde die Tür von einer unsichtbaren Hand geöffnet. Wie ein Bär, lacht der türkische Vater. Ja, vielleicht wie ein Bär im Zirkus. befand das Kind. Es schaut dem Bären ein bisschen beeindruckt hinterher. So viele seltsame Menschen da draußen. Und dann humpelte endlich der Papa um die Ecke. Natürlich eine andere Ecke als die Tür, die wir die ganze Zeit verdächtigt hatten.

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  1. Der Weg zu den Proviantzelten führte um die Halle herum. Die blaue Stunde neigte sich und ich blieb mit dem bloßen Fuß an einer aufgebogenen rostigen Betonplatteneinfassung hängen. Die enttäuschenden Schlussfolgerungen wanden sich durch den Kopf und die Entscheidung führte mich erstmal zu den Toilettencontainern, da so eine Verarztung dauern kann. Pippi Langstrumpfs Indianerschuhe verfolgen mich zum Urinal. Der sich dort bildende Spiegel rief zwei Mittzwanziger auf den Plan: “Ey Alter, du blutest ja. Da musstu zum Arzt mit!“ (…)
    Der erste Krankenwagen, den ich ansteuerte fuhr mir erstmal weg. Der zweite war von zwei jungen Rettungssanitätern bemannt, die meinen Fuß versorgten. “Wir tackern, kleben und nähen hier aber nicht.“ „Meine Tochter und Mathilde sind aber noch in der Halle!“ Mit einer Personenbeschreibung machte sich ein dritter Sanitäter auf die Suche, während die Beiden fachsimpelten was mit mir als Sofortmaßnahme zu tun sei. Im Wagen lag noch eine Teenagerin, die selbst Jazzmusik machte und sich wohl den Fuß gebrochen hatte. Ihre Freundin sei eben mit einer Nervenverspannung ob des heftigen Gewitters ins Krankenhaus gebracht worden. (…)
    Die Notaufnahme war gut gefüllt – mit Patienten und Wasser. Das Gewitter hatte kleine Seen hinterlassen. Der resoluten Schwester reichte meine Unfallbeschreibung „Dummheit“ aus, um mich erstmal zu parken. Ein älterer, nicht mehr ganz frisch gekleideter Mann kam aus dem Wartezimmer und klagte über Schmerz in der Brustregion und kam in einen Behandlungsraum. Die Schwester bekam nichts weiter heraus außer, dass der Schmerz vielleicht auch aus dem Arm oder dem Bauch kommen könnte. Währenddessen war die Teenagerin in stetem Kontakt mit tröstenden Freunden und ihrer Mama. Ein übel gestürzter Obdachloser gesellte sich zu mir, wollte aber nicht reden. Während mein Fuß in Jodwasser badete, diskutierte eine junge Krankenschwester mit dem Brustschmerzpatienten längere Zeit auf russisch mit dem Ergebnis, dass der Brust-, Arm-, Bauchschmerz wohl auf einen entzündeten Blinddarm zurückzuführen sei.
    Der junge herumwuselnde Praktikant in weißem Poloshirt war dann der diensthabende Arzt. Meine Fußwunde hatte inzwischen aufgehört zu bluten. Um sie zu säubern musste er sie wieder öffnen. Ich bekam ein Schmerzmittel und der junge Arzt Zeit zwei türkische Patientinnen in Landessprache zu verabschieden. Während das Betäubungsmittel wirkte, fand er raus, dass der russische Blinddarm vor Kurzem am Bauch operiert worden war. Er kam gleich in den OP. Dann wurde mein Fuß wieder zusammen genäht und mit einer praktischen Mitropa Duschhaube bekleidet wurde ich entlassen. Mathilde und meine Tochter waren zwischenzeitlich angekommen und so wünschte ich allen einen gutes Schichtende und ließ einen weiteren Fall von Kopfschmerz und einen Fall von Nasenbluten im Wartezimmer zurück. (…)

    • Am nächsten Morgen kam mir die Kombi aus Industriegelände und barfuß auch etwas merkwürdig vor.

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