Vollkornlektüre

Oder: So riecht der November*

Nach warmen Wind und warmen Kerzenwachs. Gelber Kerzenwachs, meinetwegen schwarzer oder blauer, noch sollen die Kerzen nicht rot sein. Es ist schließlich November und Weihnachten noch weit weg. Der November riecht jetzt manchmal nach heißer Schokolade mit einer kleinen Prise Marzipan. Kartoffelsuppe verströmt ihren warmen behäbigen Duft, ein paar würzige Speckwürfel drängeln sich dazwischen. Unbedingt riecht der Herbst nach frischen Buchseiten, solchen, die sich noch etwas schwerfällig öffnen lassen. Nach dicken Decken und Erkältungstropfen.

Draußen riecht selbst der November noch nach seltsam warmen Regen, nach vermoderndem Laub und der Kühle der Alster, die langsam aber stetig ins Boot wabert. Je länger wir auf dem Wasser sind, desto weiter kriecht sie in die Knochen, schiebt sich bis in die Zehenspitzen vor.
Herr Buddenbohm schrieb die Tage von Vollkornlektüre, den Begriff kann ich gut gebrauchen. Die dicken Bücher müssen wieder her, das passt so schön aufs Sofa und zur kuscheligen Decke. Schmale auch, natürlich, vor allem aber und solche, in den Sätze und Gedanken genau sitzen. Im Moment, noch 122 Seiten lang werden mich die Figuren auf Inger-Maria Mahlkes Archipel begleiten. So schön.

Seit langem mal wieder hat Smilla Post ins Internet geschickt. Es sind inzwischen zwar nicht mehr so oft die Begegnungen, die sie früher in Bild und Gespräch traf. Aber schön ist es dennoch. Dabei fällt mir ein, dass ich vor Jahren mal in einem Straßencafé in Köln saß und ein wenig aus dem Kontext zu meiner Mutter sagte, die Frau da, die kenne ich. „Die Dame mit dem lautem Hut?“, „Genau die.“ Ich brauchte eine Weile um aus meinem Hirn zu kramen, dass ich sie auf Smillas Blog gesehen hatte. Das Internet und ich waren da wohl noch nicht ganz so selbstverständlich auf Vornamen-Basis.

Morgen wird mein November übrigens nach warmen Käsekuchen riechen.

  • Fräulein Read-on schnuppert in die Dubliner Luft, Frau Wortschnittchen riecht in Chile, Ijunos Oktoberduft kommt aus Indien. Denn gibt es noch etwas Berliner Luft und bei Kiki kommt der Duft teilweise aus der Vergangenheit.
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