Eigentlich hat alles ganz harmlos angefangen. Die Wände im Wohnzimmer waren ein bisschen in die Jahre gekommen. Einen frische Schicht weißer Farbe könnten sie schon mal vertragen. Dafür muss man die Regale von den Wänden rücken und dafür muss man sie zumindest teilweise leer räumen, sonst sind sie unbeweglich schwer. Mmhhm, wenn man schon mal dabei ist, kann man eigentlich auch mal ausmisten.
Lesebändchen
Es ist natürlich so, dass man sehr gut ohne Lesebändchen leben kann. Bevor ich die praktischen kleinen Teile kannte, bin ich ja auch klar gekommen. In meinen Büchern steckten alte Kassenbons, Buchhandlungs-Reklame-Lesezeichen, Notizzettel. Lauter Dinge, die die seltsame Angewohnheit hatten zu verschwinden. Immer wenn ich das Buch wieder zuklappen wollte, war irgendwie gerade kein Zettel da. Dann musste entweder ein Tempo dran glauben oder ich habe versucht mir die Seitenzahl zu merken – mit wechselndem Erfolg.
Neulich habe ich irgendwo in diesem Internet Lesebändchen entdeckt. Es handelt sich um schmale Bändchen, die ein selbstklebendes Ende haben, so dass man sie in jedes Buch hinten hinein kleben kann. Das hat dadurch ein unverschwindbares Lesebändchen und ich muss nicht mehr kurz vorm Einschlafen nach Tempos fahnden. Eigentlich eine ganz einfache Idee, muss man bloß erst mal drauf kommen. Seit ich Idee und Produkt kenne, klebe ich sie in die Bücher, die kein Bändchen haben. Ja, auch in Taschenbücher, gerade in Taschenbücher, die anderen haben ja meist schon eines.
Ein Leben ohne Lesebändchen ist möglich … aber ein kleines bisschen doofer als mit ist es doch.
Hallo Kleines
Städte haben ihren eigenen Stil. Mir scheint, die sind da auch nicht anders als Mädels. Es gibt die blassen Rothaarigen mit einem Faible für zarte Grüntöne, die robusten Blondinen mit einer Vorliebe für Seidentops und Boyfriend-Jeans und natürlich die patenten Braunhaarigen, die so gerne Pink tragen. Bei Städten ist das irgendwie genauso: Was der einen Stadt steht, wirkt in der nächsten unpassend. In Frankfurt zum Beispiel mögen sie hochglanz-polierte Bars, in Köln Brauhäuser, in denen der Köbes regiert, und in Hamburg sind Cafés im skandinavisch angehauchten Shabby Schick ganz groß. Abgewetzter weißer Lack, ein paar lindgrüne und zartrosa Akzente auf verbeulten Emaille-Kannen und charmanten alten Porzellantellern – fertig ist die norddeutsche Variante von gemütlich.
Zwischen Büchern
Ich stecke zwischen zwei Geschichten. Im besten Fall lässt ein richtig gutes Buch einem eine ganze Welt im Kopf aufgehen. Wie der Autor das literarisch macht – da gibt es große Unterschiede. Manche Autoren stürzen mich als Leser kopfüber in eine fremde Szenerie, vielleicht die einer schwarzen Nacht, in der gerade ein fürchterliches Verbrechen stattgefunden hat.* Oder wir sitzen gemeinsam in einer sonnendurchtränkten Kirche, betrachten die farbenprächtigen Blumengebinde und warten auf eine Beerdigung.** Andere Erzähler ziehen mich in die Überlegungen des Protagonisten, so dass ich die neue Welt gleichsam aus seinem Kopf heraus erfahre. Mit ihm höre ich die Nachbarin ein Lied singen, spüre einen letzten Moment die Wärme der Bettdecke, bevor er aufstehen muss.*** Im Verlauf der Geschichte entfaltet sich diese Welt in immer neuen Details, ich wandere gedanklich durch fremde Räume, nehme fremde Gerüche wahr und gleite in die Beziehungen, Lieben und Verwerfungen der Figuren einer Geschichte. Und dann ist das Buch aus, vielleicht ist es ganz richtig so, eine letzte Verwicklung hat sich geklärt, weiter brauche ich den Protagonisten nicht zu folgen, vielleicht ist es mir zu plötzlich, ich wäre gerne noch ein bisschen länger geblieben. Egal, das Buch ist jedenfalls zu Ende, die letzte Seite ist gelesen, der letzte Satz. Und dann?
Old Filth
„The Benchers‘ luncheon-room at the Inner Temple. Light pours through the long windows upon polished table, silver, glass.“ So ein Roman-Anfang setzt den Takt und das Lebensgefühl für all das, was kommt. Jane Gardams Roman Old Filth entführt in die traditionsbewusste Welt der britischen Anwaltskammer: poliertes Holz, Silber(besteck) und Glas. Sofort habe ich ein Bild, eines in dem die ganze Welt des traditionsreichen Empires steckt. Einige Anwälte unterhalten sich beim Mittagsessen über einen der ihren. Sir Edward Feathers ist mit seinen maßgeschneiderte Anzügen und polierten Lederschuhen der Prototyp eines distinguierten Briten. Seinen beachtlichen Wohlstand hat er als Anwalt für Baurecht in Hongkong gemacht. Daher auch sein Spitzname Old Filth, was für, „failed in London, try Hongkong“ steht, wie uns die Autorin schon in der ersten Szene aus der kollegialen Plauderei der Anwälte beim Mittagessen heraushören lässt.
Zum Zeitpunkt des Mittagessens unter Anwälten des Londoner Anwaltskammer Inner Temple* ist Feathers bereits im Ruhestand. Nach
Sachen lernen
Das Netz scheint im Januar voller guter Vorsätze für das Neue Jahr zu sein. Nur bei mir selbst haben sich irgendwie noch keine eingestellt. Jedenfalls keine neuen, ein paar Vorsätze aus dem alten Jahr habe ich noch auf dem Zettel. Nicht weil ich mich nicht darum gekümmert hätte, sondern weil alles länger dauert als gedacht. Meine Wohnung ausmisten zum Beispiel, habe ich im letzten Jahr voller Elan angefangen und ist noch lange nicht fertig. Aber ich bin immer noch auf einem guten Weg, ha.
Nachdem Aktenordner ausmisten das Leben irgendwie nicht sofort schöner und sinnvoller macht, brauche ich 2016 unbedingt noch ein paar Anstöße. Gerade jetzt im Winter kann darf das Leben nicht nur aus so einem selbstgebastelten Hamsterrad aus Job, Einkaufen, Fitnessstudio und Sofa bestehen. Wie toll, dass ich was Neues entdeckt habe.
Angst und Antwort
Seit den Übergriffen in Köln, Hamburg und anderswo geht es in den sozialen wie den etablierten Medien rund. Viele, viel zu viele Menschen haben eine Meinung dazu, wie wir mit männlichen Straftätern, mit Muslimen im Allgemeinen, mit Sexismus, Gewalt und was weiß ich nicht noch umzugehen haben. Erschreckend oft ist die Diskussion erstaunlich wenig von lästigen Fakten belastet.
Pläne
Kennen Sie dieses überwältigende Gefühl, wenn man Projektflut hat? Nehmen wir einen durchschnittlichen Sonntagmorgen, so wie heute zum Beispiel. Ich liege im Bett, trinke schon mal den ersten Kaffee und überlege, was ich heute alles tun könnte. Und – zack – fallen mir drölfzig Projekte ein, die ich alle gerne umsetzen möchte: Einen neuen Blogpost schreiben (sic!), das Audio-Bearbeitungsprogramm endlich verstehen (À propos: Kennt jemand eines, das selbsterklärend, intuitiv und problemlösend ist? Mit dem ich ein Interview in appetitliche Häppchen zerlegen kann, Soundbites produzieren und O-Töne bearbeiten kann? Kennt jemand sowas, hey?), zeichnen, Klavier spielen, joggen gehen – oder doch lieber schwimmen? – endlich die Wand im Flur streichen, telefonieren, nachher Freunde zum Kaffee trinken treffen. Blöderweise habe ich auf alle Sachen Lust, sie sollen aber alle am liebsten morgens (bis auf das Kaffeetrinken vielleicht) und sofort stattfinden.
Das kann nicht klappen. Ich kann diesen Sonntag nur unglücklich werden. Schließlich will ich gerade jetzt ja auch noch in Ruhe in meinem Buch (Jane Gardam, Old Filth übrigens, gutes Buch – darüber reden wir ein andermal) weiter lesen. Und überhaupt macht das alles nur Spaß, wenn ich ohne Zeitdruck und ganz in Ruhe … . Sie verstehen, ich lebe in einem riesengroßen Dilemma.
2016
Ein neues Jahr ist Geschichte. 2015 war überwiegend prima. Zumindest fühlt es sich jetzt, wo das alte Jahr ein paar Tage alt ist, so an. Aber der Reihe nach:
Was habe ich gelesen?
Viel, ganz viel. Viel Im Netz, zuletzt bin ich wöchentlich durch’s Netz gegangen um meine Lieblings-Stellen zu teilen. Ich habe geschaut, wie anderen Flüchtlingen helfen und – meistens- Spaß dabei haben.
Aber, es gab auch vieles Andere zu entdecken. Tolle Wohnwelten zum Beispiel, wie hier














