Wieder mehr Wohnen

Es gibt jetzt wieder dieses einmalig kühle Frische morgens auf dem Fahrrad, den leicht modrigen Geruch von bunten Blättern, die lange in einer Pfütze gelegen haben. Der Wald sieht dunkelgrün satt aus, mit ein paar dunkelbunten Tupfern rechts und links. Habe ich mir vorletzte Woche entlang der Werra und der Weser für Sie angeguckt. Sehr schön so ein verregneter deutscher Wald. Im Alltag muss ich mit weniger anheimelnden Farben vorlieb nehmen. Vor meinem Schreibtisch blinkt neuerding ein gelber Schriftzug auf blauem Grund: Polizei. Der große Baum in der Mitte des Platzes ergelbt.
Ich bekomme davon umgehend Lust, heißen Tee zu kochen, die Kaschmirdecke aus dem Schrank zu holen und ein, zwei Bücher zu lesen. Und Kerzen, natürlich brauche ich jetzt wieder gemütliches Kerzenlich. Besonders wenn Hamburg alle möglichen Schattierungen von Grau ausprobiert, müssen ein, zwei kleine Lichter leuchten. Weiterlesen

Flüchtlinge von Einst

Die Hochzeit

Alles fängt mit einer großen prächtigen Hochzeit in Paris an. Heute würden bei einem solchen Event hunderte Beauty Bloggerinnen aus aller Welt zugegen sein. Welches Kleid trägt Katharina von Medici, die Mutter des Königs? Gibt sie einem italienischen Designer den Vorzug oder entscheidet sie sich für eine Reverenz an ihre franzöische Wahl-Heimat? Finden sich im Hochzeitskleid ihrer Tochter Margarete von Valois Andeutungen an den protestantischen Glauben des Bräutigams? Und erst der Bräutigam Heinrich von Navarra. Wann trifft er in der Hauptstadt ein? Wieviele Trauzeugen und andere beste Freunde bringt er mit? Die Klatschreporter würden um die besten O-Töne feilschen. Sicherlich wären sie alle schon einige Tage vor den geplanten Hochzeitsfeierlichkeiten vom 18. bis 21. August 1572 angereist. Es stand schließlich die Hochzeit des Jahrzehnts, wenn nicht des Jahrhunderts an. Die Katholikin Katharina von Medici, immerhin Nichte eines Papstes, versuchte mit der Heirat ihrer Tochter mit dem Protestanten Heinrich von Navarra die verfeindeten Lager miteinander zu veersöhnen. Weiterlesen

Die Welt steht Kopf

Fridays for Future in Hamburg

Gerade lerne ich auf meinen Händen zu stehen. Gerade trifft es vielleicht nicht ganz. Also schon, ich übe fast jede Woche Handstand. Ich tue es nur schon seit Jahren. Es ist nämlich so, dass ich motorisch ziemlich herausgefordert bin. Neue Bewegungsabläufe lerne ich nicht mal eben so. Im Gegenteil. Die Rollwende beim Schwimmen wollte ich sage und schreibe zehn lange Jahre lang gerne können. Weiterlesen

Bastelmodus

Der Alltagsprinz ist im Bastelmodus. Dringend braucht er eine Latte vom Zaun. So ein leicht eckiges Holzdings, an dem er sein Plakat befestigen kann. Tapetenrest auf Karton. „Mind the Facts“ soll drauf stehen. Und auf der Rückseite: „Gap the Bridge“. Mir fällt nichts ähnlich Gutes ein. Vielleicht eine Botschaft auf deutsch. Es kommt mir immer so albern fröhlich herum zu d‘englischen. Also, verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Englisch ist eine feine Sache und möglichst alle sollten es sprechen. Man kann dann mit so viel mehr Menschen direkt kommunizieren. Aber wenn ich jetzt als Deutsche anderen Menschen in Deutschland was sagen will, kommt‘s mir ein bisschen doof vor, das auf englisch zu tun. Aber „Bedenke die Fakten“ hört sich eher an wie ein Krimi von Simon Becket, oder? Und um „Schulstreik“ auf ein Plakat zu schreiben bin ich ein paar Jahrzehnte zu alt. Jajaichweiß. Ich hab Sorgen. Denken Sie das bloß: Erste-Welt-Sorgen, Luxus-Sorgen – alles wahr. Wobei von Luxus kann man eigentlich nicht sprechen, wenn der Zeitraum, innerhalb dessen unsere Anpassung einigermaßen moderat ausfallen könnte, immer kürzer wird. Und die Zeit bis zum Klimastreik am Freitag auch.
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Sommervoll

Neulich abends beim Rudern ist mir das satte Licht zum ersten Mal aufgefallen, so sommervoll und satt. Die großen Ferien sind definitv zu Ende. Definitv solle ich nicht sagen, sagte die Dorothee früher manchmal. Definitv sei nur der Tod. Und da sind wir noch nicht. Neue Projekte können, nein müssen kommen. Weiterlesen

Dialog im Dunkeln

In Hamburg sind große Ferien. Das merkt man überall in der Stadt. Weniger Autos, dafür mehr Baustellen, weniger Kinder, dafür mehr Tretroller. Es ist diese Feiertagsstimmung, die mich als Freiberuflerin eigentlich nicht interessieren müsste. So wie sich der Tag der Arbeit oft anfühlt, mein Schreibtisch ist voll, eigentlich müsste ich … aber wenn alle gerade so still und chillig in der Gegend herum liegen, dann könnte ich doch … Weiterlesen

Rollenspiele

Die kommenden Stunden werde ich eine Frau sein, die ebenso blond wie handfest ist. Ihre Haare wellen sich in einem sanften Bob um den Kopf, den Kragen ihrer Feldbluse hat sie adrett hochgestellt. Dr. Helena Töpfer hat als Archäologin schon Ausgrabungen im Tal der Könige geleitet, auch wenn die Männer im Ausgrabungsteam ihre Erfolge gerne unter den Tisch ins Grab fallen lassen. Wir befinden uns schließlich in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Frauen mit Karrieren waren da noch nicht vorgesehen. Immer wieder Weiterlesen

Promenades

Mathild e! – Die mir befreundeten Franzosen sprechen meinen Vornamen mit einem kleinern hüpfenden e am Ende aus. Im Französischen ist ist das e am Ende eigentlich stumm, aber sie wissen natürlich, dass meine Eltern mich auf deutsch benannt haben, also geben sie sich dieses kleine bisschen Extra-Mühe. Ein fröhliches phonetisches Ausrufezeichen diese e, eigentlich klingt es mehr wie ein ganz kurzes ö. Einen ganzen wundervollen Tag lang laufe ich heute alleine durch Lyon. In meinem Kopf hüpft das e am Ende mit. Weiterlesen