Busfahren

Busbahnhof in Gashena – Mathilde Magazin

Ich war nie Fahrschüler. Viele meiner Klassenkameraden mussten mit dem Bus zur Schule fahren. Ich nicht. Ätsch. Seitdem hat sich bei mir einiges geändert. Erstens zur Schule muss ich schon lange nicht mehr. Zweitens fahre ich heute meistens Fahrrad und manchmal Auto. Und wenn ich drittens doch mal Bus fahre, dann steht das Unterfangen unter dem Label Lokalkolorit. Gelegentlich kann es ja nicht schaden, den anderen Menschen in meiner Stadt zu begegnen – und nicht nur den eigenen Freunden und Verwandten. Wo ginge das direkter als im öffentlichen Nahverkehr?

In Äthiopien war das ein ganz anderer Schnack.

Morgens um halb fünf in Gondar: Der Wachmann vor unserem Hotel ist ein würdiger älterer Herr in einem zerschlissenem Jackett, das entfernt an eine Uniformjacke erinnert. Er spricht amharisch, wir deutsch. Trotzdem gelingt es mit seiner Hilfe ein Tuktuk zu bekommen, das uns zum Busbahnhof bringen soll. Im stockdunklen Gedränge des Busbahnhofs aber sieht es dann …. irgendwie finster aus. Wenn es irgendwo Hinweisschilder gäbe, nützten sie uns nicht. Unser fremder Wortschatz beschränkt sich auf vier, fünf Begriff, schreiben können wir keinen davon. Zum Glück sind viele Äthiopier ausgesprochen freundlich. Wir stehen nur einen kurzen Augenblick wie Dick und Doof in der Dunkelheit herum, schon bringt uns ein Junge zum richtigen Bus. Der ist sehr groß und voller Menschen, zu viele, wir dürfen nicht mehr mit. „No problem!“, erklärt „unser Junge“, genauso gut könnten wir mit einem privaten Kleinbus fahren. Auch den findet er für uns. Ein Trinkgeld lehnt er fast beleidigt ab. Der Sprinter ist mit uns beiden zwar so gut wie voll besetzt.

Losfahren werden wir aber erst nach einer Stunde, als 11 Mitfahrer für die 10 Plätze gefunden sind. Ein Bus ist eben erst ein Bus, wenn er auch voll ist. Die hübsche junge Frau mit dem bunten Kopfschal und der dezenten Tätowierung lässt Ihr Handy einen afrikanischen Popsong schmettern, weiter hinten spielt jemand mit fröhlichem Geklingel ein Geschicklichkeitsspiel auf seinem Telefon. Damit nicht genug, kaum haben wie den Busbahnhof verlassen, wirft auch der Fahrer das Radio an. Nachdem wir unseren teureren Fremden-Preis bezahlt haben, verrät der Fahrer uns , dass er doch nicht bis Gashena fährt, den Ort an dem wir umsteigen wollen. Er werde uns unterwegs einen anderen Minibus organisieren, der uns bis dorthin mitnehmen wird. Müssen wir tatsächlich nichts extra bezahlen, wenn wir erst an diesem gottverlassenen Ort sind? Und hat eigentlich irgendjemand unsere aufs Dach geworfenen Rucksäcke gesichert? Egal, ein wenig fühlen wir uns wie Spione, die man mitten in einem fremden Land ausgesetzt hat. Mit uns im Sprinter quetschen sich Büroangestellte mit gepflegten Händen, junge Frauen, ein paar Halbwüchsige und einige Bauern mit zerfurchten Gesichtern. Fast jeder hat unter seinen Habseligkeiten ein Telefon und einen Snack für die lange Fahrt.

Minibus zwischen Gondar und Gashena – Mathilde Magazin

Zwangspause im äthiopischen Nirgendwo

Unterwegs halten wir an einer kleinen Kapelle am Straßenrand. Ein junger Mann reißt sich vom bunt gekleideten Geistlichen los und hält uns einen zerschlissenen Regenschirm wie das Sterntaler-Waisenmädchen auf. Wir werfen unser Spenden hinein. So ähnlich sammeln wir dann noch mal Geld für die Bauarbeiter am Straßenrand. Immerhin gibt es streckenweise schon eine geteerte Straße.

Spannend wird es am frühen Nachmittag in Gashena. Als wir am Busbahnhof ankommen, lungern ein paar arbeitslose Halbwüchsige und Kinder herum. Ein echter Bus ist erst mal nicht in Sicht, dafür etliche andere Gestrandete, Äthiopier wie fremde Farenghi. Alle wollen ins 80 Kilometer entfernte Lalibela. Bis auf einen Taxi-Anbieter, der viele tausend Birr für die kurze Strecke verlangt, sieht der staubige Platz sehr wenig nach einem Busbahnhof aus. In Hamburg würde ich nun hektisch auf meinem Handy nach der Telefonnummer suchen, unter der ich mich beim HVV beschweren kann. Im äthiopischen Nirgendwo gehen wir erst mal Kaffee trinken. Das heißt, wir quetschen uns auf die niedrigen Sitzhocker vor einer kleinen Hütte und warten, bis die Bedienung kleine Espressoschälchen und die typische schwarze Tonkanne bringt. Dabei lernen wir Christos kennen. Der lebt in den USA, stammt aber aus der Gegend und übernimmt die Verhandlungen für uns und die anderen Farenghi. In aller Ruhe schickt er immer wieder einen kleinen Jungen mit einem neuen Verhandlungsangebot zum Busfahrer. Eine Dreiviertelstunde später haben wir alle für 200 Birr Sitzplätze im nächsten Bus. Immer noch ein Ausländerpreis, aber ein vernünftiger.

Die meisten Äthiopier müssen zu Fuß gehen – Mathilde Magazin

Straße im Norden Äthiopiens

Als ich mich auf den winzigen schiefen Platz neben den Fahrer quetsche, bin ich kurz versucht, das Angebot des gierigen Taxifahrers noch mal zu überdenken. Die nächsten dreieinhalb Stunden drohe ich immer wieder dem Fahrer und in die Gangschaltung zu rutschen, während ich krampfhaft versuche mich am Armaturenbrett fest zu halten. Meistens schlittern wir im ersten Gang vorsichtig die Schotterpiste entlang, der Busfahrer scheint seinem Motor und vor allem den bremsen nicht allzu viel zuzutrauen. So habe ich reichlich Gelegenheit die Landschaft zu bewundern. In sanften Schattierungen von hellgelb bis ocker erheben sich die mächtigen Tafelberge in den Himmel, hie und da schmiegt sich ein wenig Grün dazwischen. Alle paar Kilometer taucht ein Dorf mit den typischen Rundhütten auf. Kinder winken uns fröhlich zu. Wie schön ist das denn?

Mathilde mag Äthiopien

Tafelberge im Norden Äthiopiens

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