Verlernt

oder: Wie wir mal verreisen wollten. Irgendwie haben wir das ein wenig verlernt, das Verreisen. Seit einem guten Jahr machen wir das ja nicht mehr. Also, zumindest nicht so wirklich. Keine Besuche fremder Großstädter mit vollen Museen, quirligen Restaurants und überfüllten Bars. Keine Reisen in exotische Länder mit bunten Märkten, seltsamen Sehenswürdigkeiten und undurchschaubaren Straßenstrukturen, zumindest für verwöhnte Westeuropäer.

Ich erinnere mich, dass ich in Tokyo mal sehr lange und konzentriert, das Muster des U-Bahn-Plans in, sagen wir Morishita (in Wahrheit erinnere ich mich nicht mehr in welchem äußeren Stadtteil ich mich befand) an der Wand angestarrt habe. Ich wollte herausfinden, wo auf meinem englisch-sprachigen U-Bahn-Plan ich mich befand um zurück nach Shinjuku zu fahren zu können. Gar nicht so einfach ein Muster wieder zu erkennen, wenn alles in japanischen Schriftzeichen erklärt ist. Das war, bevor es für alles eine App gab.
Ich erinnere mich auch, dass ich in Delhi immer eine Fahrrad-Rikscha genommen habe, wenn ich den Überblick verloren hatte, wo ich mich genau befand. Nach etlichen Kilometern verzweifelten Hin-und Herirrens, Blasen an den Füßen, Staub, Schweiß und blanken Nerven hatte ich gelernt, dass das die beste Methode ist wieder zum Hotel zu finden. Das war, bevor die Kartenfunktion des Telefons einen zu jeder Zeit orten konnte.
Puuh, ich merke gerade, wie sehr mich diese beiden Erinnerungen in so eine „Oma-erzählt-vom-Krieg“-Richtung rutschen lassen. Hach, wir hatten ja nichts.

Wie bin ich da jetzt drauf gekommen. Ach ja, wir wollten verreisen. Soweit wir uns erinnern, was Reisen noch mal war. Wir haben uns bloß überlegt von Hamburg ins benachbarte Schleswig-Holstein zu fahren. Aber: Dürfen wir überhaupt? Und: Wie geht das noch mal? Bekommen wir unterwegs was zu essen? Finden wir irgendwo ein Klo? Werden andere Menschen auch da sein. Und wenn ja, wieviele? Auf der Website des Landes Schleswig-Holstein steht erst einmal viel über Einreise aus dem Ausland (wir wollen ja aber bloß aus Hamburg …), neue Corona-Regeln (in Museen muss man jetzt auch in Schleswig-Holstein Mund-Nasenschutz tragen) und überhaupt bündeln sie jetzt in der Landesregierung mehr Kompetenzen. Mir gelingt es unterdessen nicht meine Recherchekompetenzen so zu bündeln, dass ich herausfände, ob ich an der Nordsee am Strand oder wenigsten irgendwo im Wald herumlaufen darf. Aber eine Sommeroffensive bieten sie an. Im Sommer fahren im Land zwischen den beiden Meeren (sie meinen die Nord-und die Ostsee damit) mehr Bahnen. Jetzt aber noch nicht. Ich gebe auf und such in dieser großen Suchmaschine „Schleswig-Holstein“, „Corona“ und „Tagestouristen“. Ja, schreibt der NDR, das scheint erlaubt. Wir suchen in den Schränken und finden die Picknickdecke, Äpfel, Käse, Sauerteigbrot (wir backen ja neuerdings selber) Wasser und zack sind wir startklar. Nein, halt noch den Fotoapparat, aber jetzt, also jetzt sind wir startklar.
Meine Oma, die ihr ganzes Leben im Rheinland verbracht hat, nur einmal an die Ostsee und nie ins Ausland gereist ist, hätte das auf jeden Fall für eine große Reise gehalten. Und meine Oma fühlte sich selbstverständlich auch modern So, auf in neue Abenteuer.

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