Bastelmodus

Der Alltagsprinz ist im Bastelmodus. Dringend braucht er eine Latte vom Zaun. So ein leicht eckiges Holzdings, an dem er sein Plakat befestigen kann. Tapetenrest auf Karton. „Mind the Facts“ soll drauf stehen. Und auf der Rückseite: „Gap the Bridge“. Mir fällt nichts ähnlich Gutes ein. Vielleicht eine Botschaft auf deutsch. Es kommt mir immer so albern fröhlich herum zu d‘englischen. Also, verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Englisch ist eine feine Sache und möglichst alle sollten es sprechen. Man kann dann mit so viel mehr Menschen direkt kommunizieren. Aber wenn ich jetzt als Deutsche anderen Menschen in Deutschland was sagen will, kommt‘s mir ein bisschen doof vor, das auf englisch zu tun. Aber „Bedenke die Fakten“ hört sich eher an wie ein Krimi von Simon Becket, oder? Und um „Schulstreik“ auf ein Plakat zu schreiben bin ich ein paar Jahrzehnte zu alt. Jajaichweiß. Ich hab Sorgen. Denken Sie das bloß: Erste-Welt-Sorgen, Luxus-Sorgen – alles wahr. Wobei von Luxus kann man eigentlich nicht sprechen, wenn der Zeitraum, innerhalb dessen unsere Anpassung einigermaßen moderat ausfallen könnte, immer kürzer wird. Und die Zeit bis zum Klimastreik am Freitag auch.

Diese Polizeiwagen fuhren über das Hamburger Schulterblatt beim G20 Gipfel

Diese Polizeiwagen fuhren über das Hamburger Schulterblatt beim G20 Gipfel.

Was tun? Was sollte, was kann also ich selbst tun? Weniger Auto fahren. – Das mache ich zum Beispiel, seit ich wieder im Zentrum der Stadt wohne. Weniger kaufen, klappt mal mehr und mal weniger. Dafür habe ich jetzt andere Bedenken. Neuerdings hängen bei uns am Platz überall Kameras herum. Und jetzt weiß ich auch nicht. Klar, alle berichten von polizeilich relevanten Schwierigkeiten. Gelegentlich sehe ich eine Kleinigkeit davon. So wie neulich, als die Polizei mit erstaunlich vielen Leuten in die Windstärke 11 stürmte. Ich saß oben am Schreibtisch und hatte so Schreibtisch-Dinge zu tun. Erst hielten zwei Polizei-Wagen vor dem Lokal, das von außen durchaus ein wenig windig wirkt. Ein Peterwagen (Hach, ich habe das Wort benutzt, das so Hamburg ist wie nur irgendwas.), ein Peterwagen gilt hier jedenfalls als normal. Einer steht fast immer auf dem Platz, zwei, von denen einer so ein Mannschaftswagen ist, der nicht ganz freiweillige Taxidienste anbietet, wirkt schon ein bisschen besonderer. Dachte ich, dachten so nach und nach auch ein paar Menschen unten auf dem Platz. Die ersten gingen mal vorbei und guckten, auch wenn es so richtig viel nicht zu sehen gab. Nur ein paar stoische Polizisten und ein paar stoische Beisteher und Gucker und mit wachsender Zeit immer mehr Gucker. Dann kamen etliche Polizisten mit einigen Menschen heraus, für die das Peterwagen-Taxi wohl vorgesehen war und fuhren weg. Die anderen guckten noch eine Weile und zerstreuten sich dann wieder über die Stufen des Hansabrunnens. Es war ein bisschen so wie bei einer Kuhherde, da guckt auch oft erst eine, wenn irgendwas am Wegesrand ungewöhnlich wirkt und nach und nach kommen alle anderen angetrottet. Bis es wieder weg ist, das Ungewöhnliche und alle wieder in Ruhe nach dem Gras schauen können. Jedenfalls wäre das Herden-Ereignis noch nicht genug Erlebnis für einen Film. Genau das filmen die Kameras aber. Naja und mich, wenn ich aus dem Haus gehe. Ich könnte jetzt immer so einen Kapuzenpulli anziehen und die Kameras verwirren. Nur dass ich den bestimmt alle naselang vergessen würde oder er würde gerade nicht so gut zu dem roten Pulli passen, den ich neuerdings so gerne anziehe oder nicht unter die dünne Regenjacke und das wäre dann wieder blöd, wenn es regnet. Es ist kompliziert.

Weniger Fliegen könnte ich dem Klima zuliebe. Aber das kann man erst recht kompliziert finden. In meinem Fall ist das ein Fall von schöner scheitern. Es ist nicht so, dass ich nicht darüber nachdächte, es anders zu machen. Gerade habe ich mir zum Beispiel die Bahnverbindung Hamburg – London angeschaut. Ich möchte irgendwann demnächst meine beiden jüngsten Nichten kennen lernen, die nun mal dort wohnen und ich ja nicht. Ich wohne ja hier. Jedenfalls Bahnfahren von hier nach da dauert für eine Strecke einen guten, ganzen Tag und kostet ein kleines Vermögen: Rund 500 Euro müsste ich für den Hin und Rückweg bezahlen. Wenn ich fliege, kann ich in 3 bis 4 Stunden von einer Haustür zur anderen gelangen, kosten tut mich uns das die weitere Zerstörung des Planeten, also natürlich erst recht viel zu viel, bezahlen müsste ich für beide Wege aber erst mal rund 120 Euro von Haustür zu Haustür. Es sollte nicht so sein, schon klar. Aber das schaffe ich nicht. So viel Zeit, so viel mehr Geld. Es ist kompiziert. Immer noch.

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  1. Eine Biobäuerin erzählte mir mal von ihrer verstorbenen Alphakuh, die zur Fütterungszeit als erste in der Herde immer den Futtertisch begutachtete. Wenn ihr dann das angebotene Heu missfiel, lief sie den Tisch entlang und stupste mit der Schnauze alle Verriegelungen zu, so dass keine andere Kuh fressen konnte. Dann drehte sie sich um und schaute die Bäuerin vorwurfsvoll an. Kühe sind doch näher an der Schöpfung Krone, als viele ihnen zugestehen.

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